Irene Wieland – Zwischen Welten

Verspielte Formen und klare Konturen, verwaschene Flächen und harten Kanten, bunte Farben und präzise Linien – die Arbeiten der Künstlerin Irene Wieland passen nicht in eine Schublade, sondern bedienen sich aus vielen. So treffen in ihren Bildern und Plastiken immer wieder Facetten unterschiedlicher Genres aufeinander, die sich zu einem vielfältigen, wie klaren Ganzen zusammen finden. Dabei ist die Linie der Federführer, der ihrer Weltsicht Kontur gibt und den Lauf ihrer Arbeiten bestimmt. Irene Wielands Arbeiten sind im Dazwischen von Realität und Surrealität zu begreifen. Strukturen werden zu Mustern zwischen Ornamenten, aus denen sich konkrete Motive bilden. Menschen, Tiere und Pflanzen werden zu einem Formenvokabular abstrahiert, neu arrangiert und in Figuren und Szenerien zusammengesetzt, die einem das Gefühl zwischen Vertrautem und doch Anderem, der Welt Entrücktem geben. Ihre Arbeiten eröffnen Geschichten oder lassen ihre Umgebung eine erzählen, sie ziehen den Betrachter in den Bann ihrer Welt ohne diese zu entschlüsseln und zitieren doch das Alltägliche. Irene Wieland gibt Einblick in eine Realität zwischen Hier und Dort, zwischen Figur und Form, zwischen bekannt und neu, zwischen konkret und abstrakt, zwischen jetzt und dann.

Schwarze Linien aus der Rohrfeder schwingen sich in organischen Zügen über Leinwände und Papiere, schließen sich zu Formen zusammen, lösen sich wieder, enden, beginnen erneut, ziehen weiter und hinterlassen ornamentartige Landschaften, deren Erzählung näher der Realität, als einem verdeckten Symbolismus sind. Die Farben sind meist monochrom, manchmal auch in feinen Übergängen aufgetragen, nie aber von der Flächigkeit ihrer umgebenden Form ablenkend. Sie füllen ebenso das Negativ ihrer Fläche, wie auch das Positiv ihrer Form, die zusammengesetzt ein Ganzes ergeben. Zusammengehalten durch die Linie bestehen die Motive auf die Flachheit ihres Bildträgers, geben nicht vor plastisch zu sein, geben Aussicht ohne eine Perspektive zu benötigen. Die Szenen, die sich auf Irene Wielands Bildern und Zeichnungen abspielen, entstammen ihren alltäglichen Beobachtungen, ihrer Wahrnehmung bei einem Spaziergang, einem Abriss der Erinnerung, einer Fahrt mit der Straßenbahn. Ihre Sicht auf die Dinge ist eine neutrale, die einer Beobachterin, die unbeschwert von Strapazen und Glück erzählen kann ohne die Erwartungen an den Ausgang einer Geschichte ganz einzulösen. Ihre Bilder lassen erahnen, bilden ab ohne zu zeigen. Die Linien verwinden sich immer wieder zu neuen Figuren, Fragmenten aus der realen und erdachten Welt, aus Phantasie und Realität. Ein Streifzug mit der Feder durch die Wirklichkeit – ihrer, unserer, der sichtbaren und unsichtbaren.

Die Arbeit mit dem Cutter nutzt Irene Wieland um in ihren Bildern eine tatsächliche Tiefe innerhalb ihrer Bilder zu erzeugen ohne von der immanenten Flächigkeit ihrer Werke abzuweichen. Mit dem Herauslösen einzelner Schichten aus dem Passepartoutkarton, den sie als Bildträger nutzt, erzeugt sie Strukturen, zieht den Cutter, ähnlich wie sie mit der Rohrfeder arbeitet um Formen zu schaffen. Es entstehen vielschichtige Ebenen, die sich formal in das Bild einfügen, eingefärbt werden, als Struktur bestehen bleiben, sich ergänzen oder auflösen. Es entsteht ein Dialog zwischen verlorenen und vorhandenen Formen, Linien und Flächen, monochromen und farbenreichen Figuren. Die Cutterschnitte in Irene Wielands Arbeiten sind weniger ein technischer Aspekt, als vielmehr ein grafisches Ausdrucksmittel ist. Sie verleihen ihren Bildern Lebendigkeit, zeigen die Spontaneität ihrer Entstehung, erweitern den vorhandenen Bildraum und verleihen den flachen Handlungsräumen eine reale, physische Tiefe.

Ebenso wie ihre Bilder, gewinnen Irene Wielands expressionistische Silhouettenskulpturen ihre Form aus der Linie. Leerräume werden aus den sie umgebenden Konturen bestimmt, die sich mal zu Flächen verdicken, sich mal in Strukturen und Mustern zusammenfinden. Der Dualismus von Umriss und Ausschnitt erzeugt spannende Figuren, denen Teile von Menschen, Pflanzen und Tieren innewohnen. Überdimensionale allegorischen Scherenschnitte, die als Grafik im Raum auf ein Medium übertragen sind, welches ihrem Standort entspricht. Die zwei bis drei Meter hohen Figuren sind für den Außenraum bestimmt und verändern entsprechend der Witterung und Jahreszeiten ihr Aussehen. Die Patina des Cortenstahls als Aspekt der künstlerischen Arbeit, verleiht den Figuren einerseits Lebendigkeit, wie sie auch im flächenhaften Farbauftrag in Irene Wielands Bilder zu finden ist, andererseits verweist die Monochromie auf die Silhouette und betont damit umso mehr die Flächenhaftigkeit der Skulpturen. Die Stahlfiguren sind in die reale Welt transformierte Scherenschnitte, die dem Betrachter die Dreidimensionalität einer Plastik verwehren. Vom Davor oder Dahinter aus erkundet man das Wesen der Chimären, die aus einer anderen, aber doch vertrauten Welt, der Formensprache des Abendlandes und phantasievoller Mythen entrückt, die umgebende Welt des Betrachters als Bühne nutzen. Die ihre Umgebung wie eine Filmkulisse um sich herum bewegen und sie zur Bühne ihres eigenen Schau-Spiels werden lassen.

Eine direkte Transformation der Rohrfederzeichnungen findet sich in Irene Wielands Wandobjekten wieder. Die bislang schwarzen, insektenartigen Eisenschnitte übertragen die flache Linie in den dreidimensionalen Raum. Wie bei ihren Handzeichnungen verdickt oder verdünnt sich die Kontur, die gleichzeitig Umriss, Struktur, Muster und Form der Mischwesen bestimmt. Der dadurch festgehaltene spontane Moment, der künstlerische Handstrich steht im Kontrast zum dauerhaften Charakter des Materials. Doch sind die Figuren keines Wegs starr oder kühl. Wie filigrane Scherenschnitte wandern „Wandwanzer“ in Scharen durch den Raum oder besetzen selbstbewusst als monumentale Einzelform eine Fläche. Nur durch feine Unterschiede zu trennen, sind sie individuell und ergeben doch in der Summe Homogenität. Zum Teil in sanften Rundungen gewölbt erzeugen die größeren ornamenthaften Figuren wiederum Schatten, der eine starre Typologisierung Irene Wielands künstlerischer Arbeit, von Schattenfigur oder Scherenschnitt, Grafik oder Skulptur endgültig ad absurdum führt. Irene Wielands Motive, Formensprache, wie Technik, ihre Bilder wie Objekte sind zwischen den Dingen, zwischen Schubladen, Zwischen Welten.

Zwischen Beobachtung und Mythologie, zwischen Zeitbezug und Phantasie liegen Irene Wielands Arbeiten. Ihre schöpferische Kreativität schafft beseelte Figuren und bildnerische Kompositionen einer der inneren Mitte entrückten Welt, die sich doch der Situationen des alltäglichen Lebens und dem Formenreichtum der umgebenden Wirklichkeit bedient. In facettenreichen, grafisch-linearen Andeutungen, nicht in der naturgetreuen Wiedergabe, hinterlässt Irene Wieland ihre Spur. Sie gibt uns Einblick in ihre Welt, die auch die unsere ist, die spannende Geschichten zu erzählen vermag, verführt, intuitiv verständlich ist ohne ihr Innerstes ganz preiszugeben.